Jüdische Gemeinde Landkreis Barnim

    

Diana Sandler ist Vertreterin der jüdischen Gemeinden des Landes Brandenburg, Gründerin und Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Landkreis Barnim, Vorsitzende Migrations‐ und Integrationsrat Land Brandenburg e.V., der 77 Migrantenorganisationen und Religionsgemeinschaften vereint, eine furchtlose Kämpferin für Gerechtigkeit, Initiatorin zahlreicher Projekte gegen Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Ausländerfeindlichkeit. Als Kind in der Ukraine sah sie sich persönlich wegen des berüchtigten "fünften Punktes" mit offener Feindseligkeit gegenüber sich selbst konfrontiert, aber alles Negative hatte sich nicht durchgesetzt, ihr natürlicher Optimismus, ihr Glaube an das Gute und ihre unerschütterliche Vitalität setzten sich durch. Heute ist unsere Protagonistin Sozialökonomin, die sich beruflich an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg und der Ronald S. Lauder Stiftung mit Unterstützung des Zentralrats der Juden in Deutschland und Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland mit dem Judentum, jüdischen Traditionen, Bräuchen und jüdischer Philosophie beschäftigt hat. Dreiundzwanzig Jahre lang hat sie die Interessen der Juden in Europa auf politischer, sozialer und kultureller Ebene mit Würde vertreten, aber es bleibt noch viel zu tun, um in dieser Hinsicht ganzheitliche Ordnung und endgültige Harmonie zu erreichen.

‐ Diana, wo sind Sie geboren, wo haben Sie studiert, wo kommen Sie her?

‐ Geboren wurde ich 1969 in Dnipropetrowsk. Ich besuchte dort die Schule, lebte eine Weile in Moskau, ich erinnere mich an den Sokolniki‐Park der Hauptstadt, ich liebte es, mit Herbstblättern zu werfen und leckeres Eis mit heißen Bagels zu essen, im Schnee zu liegen, und wie es viele jüdische Kinder taten, spielte ich Klavier. Bis heute singe ich gerne, schreibe als Hobby, seit meinem vierten Lebensjahr besuchte ich die Musikschule, meine ganze Kindheit und Jugend verbrachte ich am Piano des Herstellers "Petrov", das zu meinem besten Freund wurde, und meine Mutter hörte geduldig meinen langen und lauten musikalischen Aufwärmübungen zu.

‐ Wann spürten Sie das Gefühl Ihrer nationalen Identität, das Gefühl der Zugehörigkeit zum jüdischen Volk?

‐ Ich wurde von meinen Klassenkameraden, Nachbarn, der Gesellschaft, in der ich aufgewachsen bin, der Geschichte und Tragödie meiner Familie sorgfältig "eingeweiht". Die ersten Etappen auf dem Weg zur jüdischen Erziehung habe ich mit Hilfe des Rabbiners Schmuel Kamenezkij von Dnepropetrowsk durchlaufen, die ersten Ausbildungsprogramme wurden in den bekannten Wohltätigkeitsorganisationen "Joint Distribution Committee" und "Sochnut" absolviert. Dort kam ich ganz bewusst mit meinem eigenen Judentum in Berührung. Als ich zwei Kinder bekam, die in der Ukraine geboren wurden, habe ich dort mit Unterstützung des Rabbiners einen jüdischen Kindergarten eröffnet. Wie ich mich jetzt erinnere, ging ich stolz in das Büro von Herrn Kamenetsky, ließ mein zwei Monate altes Baby kurz ruhen, sagte, dass ich einen jüdischen Kindergarten eröffnen wolle und bat nicht um finanzielle Mittel, sondern um methodische, materielle und intellektuelle, geistige Unterstützung. Ich versicherte ihm, dass ich genug Kraft und Geist haben würde, um es zu tun. Glücklicherweise hatte ich einen starken Anreiz ‐ meine Kinder, die ich nicht aus einer Windel in eine feindliche Umgebung "tauchen" wollte. Der Rabbiner war eine große Hilfe, obwohl er wusste, dass ich dauerhaft nach Deutschland ziehen würde, und gleichzeitig begann ich meine Bekanntschaft mit jüdischen Sitten und Gebräuchen. Meine Familie feierte nur Pessach, und meine Mutter bereitete mehrere jüdische Gerichte zu: Sheiku, Mandelach und TsimesFrüher, in meiner Jugend, konfrontiert mit offenem Antisemitismus, habe ich nicht verstanden, warum ich in der Schule mit bösen Namen beschimpft wurde, nicht gemocht wurde und gehänselt wurde, warum ich anders aussah als meine Klassenkameraden. Aufgrund der Erziehung in der Familie, der Werte, Prioritäten und einer besonderen Art von Mentalität fühlte ich mich oft wie eine "weiße Krähe". Meine Eltern sind großartige Menschen, die ein furchtbar hartes Leben geführt, unmenschliches Leid ertragen und die Wärme der jüdischen Seele bewahrt haben. Ich bin in der Liebe aufgewachsen, unter starken, gütigen, anständigen, verwundeten, aber nicht gebrochenen Persönlichkeiten. Ich vergab den Tätern, als wären sie verlorene Schafe, die nicht wissen, was sie tun, denn nach der Ideologie ihrer Eltern galten Juden immer als eine Art Übel, und so verhielt sich ihre Kinder uns gegenüber entsprechend. Meine Familie hat mir nicht sofort erklärt, dass ich ein jüdisches Kind bin oder was Judentum ist. Aufgrund all dieser schwierigen Momente kam ich erst zu meiner Selbstidentifikation, mich als Teil des jüdischen Volkes zu akzeptieren, als ich Mutter wurde. Ich strebte danach, meine Kinder in Respekt für mich und andere zu erziehen. Wenn man versteht, was es bedeutet, Jude zu sein und was die Gründe für Antisemitismus sind, so wird man sich immer schützen können, und richtig einschätzen zu können, was geschieht, dann ist es leicht, sich aus gefährlichen oder unangenehmen Situationen zu befreien. Ich habe meinen Kindern beigebracht, ohne Angst und negative Gefühle zu leben und die Wachsamkeit nicht zu verlieren. Es war mir wichtig, dass meine drei Söhne, zukünftige jüdische Männer, sich stolz und frei fühlen würden, für sich selbst, für ihre Lieben, und für die Welt, in der wir leben, Verantwortung zu übernehmen.

 ‐ Und das jüdische Kindergartenprojekt wurde erfolgreich umgesetzt?

‐ Ja, als Folge davon eröffneten wir in meiner kleinen Heimat einen wunderbaren jüdischen Kindergarten, der den gewünschten Einfluss auf meine Kinder hatte. Heute sind sie frei von Komplexen, sie empfinden ihr Jüdischsein als ein Gut und ein Geschenk. Sie absolvierten eine jüdische Schule in Berlin ab und wuchsen mit einem ganzheitlichen Gefühl der Identität und der Zugehörigkeit zu einem einzigartigen Volk auf. Ich betone hierbei, dass ich in erster Linie für meine Familie, meine Kinder und meinen geliebten Mann lebe und arbeite. Mutter zu sein ist meine Hauptaufgabe. Für meine Söhne ist es sehr wichtig, dass ich glücklich und zufrieden bin. Auch ist es wichtig, welche Lebensweise eine jüdische Mutter führt, wie sie Ereignisse wahrnimmt, was sie tut, wie sie sich entwickelt, welche Werte sie hat, auf welchem Prinzip sie ihre Prioritäten aufbaut. Ich habe eine ernstzunehmende Verantwortung gegenüber meinen Söhnen und versuche, mich vor allen negativen Äußerungen und sogar vor meiner eigenen hemmungslosen Liebe und Fürsorge zu schützen.

Sie begannen also in der Ukraine, die Grundlagen des Judentums zu studieren, und danach setzten Sie das Studium in Deutschland fort?

‐ Das ist richtig, ich habe in Deutschland zwei höhere Ausbildungsgrade absolviert, darunter auch über das Judentum, als Vorsitzender der jüdischen Gemeinde. Es genügt nicht allein Talente und Fähigkeiten zu haben, um in unserem Land zu arbeiten zu können. Das Recht eine professionelle Tätigkeit auszuüben muss durch einen entsprechenden Bildungsgrad verdient und bestätigt werden. Ich versuche, mein ganzes Leben lang zu lernen und meine Qualifikationen ständig zu verbessern. Ich bin der Ronald‐S.‐Lauder‐Stiftung, dem Zentralrat der Juden in Deutschland, Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland , dem Europäischen Sozialfonds und dem Landesverband der jüdischen Gemeinden Land Brandenburg sehr dankbar, die meine teure Ausbildung ermöglicht haben und während des Unterrichts wurden alle Voraussetzungen für ein komfortables Lernen geschaffen, einschließlich koscherer Mahlzeiten und Anfahrt zum Studienort.

 ‐ Warum wurde Deutschland für die Auswanderung ausgewählt? Wie einfach war es, nach der SHOAH dorthin zu gehen?

‐ Ursprünglich war ich mir sicher, dass im zivilisierten Deutschland nach dem Höllen‐Holocaust Judophobie unmöglich war, denn die deutsche Gesellschaft weiß besser als jeder andere, was nationale Intoleranz bedeutet, wozu solche aggressiven öffentlichen Stimmungen führen. Ich bin hergekommen und es war kein Fehler, denn dieses Land ist wirklich für die Sicherheit der Juden verantwortlich und versucht sein Bestes, um sie zu gewährleisten, und Antisemitismus wird von der deutschen Regierung nicht nur als ein Akt gegen Juden betrachtet, sondern als ein Versuch, die Demokratie und das Ansehen der Bundesrepublik zu untergraben.

  Sind Juden in der Lage, sich in Deutschland zu integrieren, was bedeutet das Wort "Integration" für Sie?

‐ Integration ist meiner Meinung nach die Fähigkeit sich an ein fremdes Leben anzupassen, und sich dabei wohl zu fühlen. Gleichzeitig ist es wichtig, den neu gefundenen Lebensmittelpunkt mit Respekt zu behandeln, nicht nur zu nehmen, sondern auch zu geben. Das multikulturelle Deutschland ist die Heimat vieler verschiedener Nationalitäten, und unsere Kinder werden hier zu deutschen Juden. Ich werde nicht müde, zu beweisen, dass jeder, der hier lebt, ein integraler und vollwertiger Teil einer demokratischen Gesellschaft werden und seinen rechtmäßigen Platz finden kann. Wenn man sich wirklich in ein anderes Land verliebt, ist es leicht, sich zu integrieren, und in unserer russischsprachigen Diaspora, die gebildet, begabt ist und gefördert wird, gibt es mächtiges Potenzial, und wenn jemand nach dem Einwandern nicht zu sich selbst findet, ist das eine der größten menschlichen Tragödie überhaupt.

  Hat Ihr Umzug nach Europa der jüdischen Gemeinde geholfen, dem Glauben näher zu kommen?

Den Schlüssel zum Verständnis des Judentums gab mir meine vierjährige Ausbildung in Berlin in der Brunnenstraße in einem speziellen Berufsprogramm für jüdische Führungskräfte. Natürlich hätte ich es ohne ein professionelles Studium des Themas, ohne die Hilfe der besten jüdischen Experten Europas, selbst nicht geschafft. Heute stehe ich mit vielen Rabbinern in Kontakt, sie sind unendlich hilfreich bei meiner Arbeit und beantworten verschiedenste Fragen. Ich stelle fest, dass ich seit 2005 die erste legitime jüdische Beauftragte für Antisemitismus und interreligiösen Dialog in Deutschland vom Bund der jüdischen Gemeinden bin. Ich verstehe sehr gut die Mentalität der Mehrheit der in Deutschland lebenden Juden, von denen die meisten aus ehemaligen sowjetischen Republiken stammen und ich handle ausschließlich in ihrem Interesse.

‐ Können Sie uns als Vertreterin des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden Land Brandenburg bitte sagen, wie viele "unserer Leute" Sie zählen? 

‐ Das Land Brandenburg ist heute die Heimat von ca. 5.000 jüdischen Zuwanderern, von denen viele eine jüdische Mutter haben, der Rest unserer jüdischen Mitbürger sind keine halachischen Juden. Der Landesverband der Jüdischen Gemeinden Land Brandenburg K.d.ö.R ist ein Zusammenschluss von jüdischen Gemeinden in Brandenburg. Er umfasst sechs Ortsgemeinden im Land Brandenburg mit Potsdam, Cottbus, Frankfurt (Oder), Königs Wusterhausen, Oranienburg, Bernau bei Berlin mit insgesamt 1200 Gemeindemitgliedern. Nach meiner Ankunft in Deutschland im Jahr 1995 gründete ich 1997 die Orthodoxe Jüdische Gemeinde in Bernau bei Berlin, die heute 167 Mitglieder zählt, zusammen mit ihren Verwandten ‐ 497 Personen. Wir machen keine Trennung, die Gäste kommen als große befreundete Familien zu uns in die Feiern, aber ich möchte eine strenge, wohlbekannte Regel betonen ‐ Mitglieder der jüdischen Gemeinden können nur von ihrer Mutter her Juden sein.

Während meiner Interviews mit russischsprachigen Juden in Deutschland habe ich mehr als einmal gehört, wie schwierig es für sie ist, eine normale Arbeit zu finden. Ältere Menschen leben nach dem Umzug von Sozialhilfe, in einem sehr begrenzten Umfeld, in der Nähe ihrer Verwandten und der jüdischen Gemeinde, viele kennen die Sprache nicht, haben Angst, überhaupt zum Arzt zu gehen. Können Sie dazu Stellung nehmen?

‐ Über welche Art von Arbeit sprechen wir? Warum sollten Rentner in dem Land beschäftigt werden, in dem der Staat sich um sie kümmern müsste? Natürlich ist es sehr schwer, ohne Sprachkenntnisse und eine angemessene Ausbildung eine gute Stelle zu finden, aber wo in der Welt ist das möglich? Die meisten Menschen, die im Alter von 40‐50 Jahren kommen, schaffen es aufgrund ihres Gesundheitszustandes nicht, eine körperlich zumutbare und angemessen bezahlte Arbeit zu finden, und Büroarbeit erfordert in der Regel umfassende Deutschkenntnisse und ein hohes Maß an Kompetenz. Es ist auch nicht einfach, in Deutschland einen Arbeitsplatz zu finden, der es ermöglicht, deutlich mehr als die staatliche Sozialhilfe zu verdienen, weshalb die Menschen nicht motiviert sind, sich danach umzusehen. Im Allgemeinen ist das Bild nicht so düster, wie Sie es ausmalen, und ich bin ganz und gar nicht damit einverstanden. Ich zweifle nicht daran und wiederhole es noch einmal: Jeder kann in unserem Land seine wahre Berufung und Bestimmung finden. Talentierte Menschen, die mit Leichtigkeit das tun können, was anderen schwer fällt, werden immer Aktivitäten nach ihrem Geschmack finden, aber es sollte nicht vergessen werden, dass Professionalität nicht von selbst kommt, sie muss verdient, studiert und permanent weiterentwickelt werden. Glauben Sie mir, in Deutschland stehen für alle, sowohl Einheimische als auch Zugewanderte, unglaubliche Möglichkeiten offen, man muss sie nur erkennen und sie kompetent nutzen können.

 ‐ Welche spezifische Unterstützung und Hilfe bietet die Gemeinde jüdischen Einwanderern an, was fällt in Ihre Verantwortung?

‐ Zu den Aufgaben der Gemeinde gehören alle Arten von Hilfe für Juden, physische und mentale Unterstützung in allen Angelegenheiten. Wir bemühen, ihren Schutz, ihre Sicherheit, die Vertretung ihrer Interessen zu gewährleisten, ihnen die Möglichkeit zu geben, das jüdische Leben zu leben, die Grundlagen des Judentums zu begreifen. Wir kümmern uns in jeder möglichen Weise um die sozialen Angelegenheiten unserer Mitglieder , feiern gemeinsam Geburtstage, Nationalfeiertage, den Sabbat, bieten Bildungs‐, Integrations‐ und Ausbildungsprogramme an, psychologischen Austausch, Interessenklubs. Wir führen spannende, aufklärende kulturelle Aktivitäten durch, helfen bei der Integration, bei der Informationsvermittlung, bei der Wahrung und dem Schutz ihrer Rechte, bei dem Aufschlüsseln deutscher Gesetzeslagen. Sehr oft brauchen unsere Leute einen Dolmetscher, wenn sie zum Arzt oder zur Bank gehen. In diesem Fall nehmen wir uns auch als Brücke zwischen Juden und der deutschen Gesellschaft wahr und entscheiden alles gemeinsam. Ich koordiniere und entwickle neue Projekte für jüdische Zuwanderer. Ich erinnere mich, dass ich, als ich in den neunziger Jahren als jüdischer Kontingentflüchtling hierher kam, nicht viel wusste und mit einer großen Zahl von Problemen konfrontiert war, deshalb unterstützen ich Neuankömmlinge essentiellen Ratschlägen und mit konkreten Handlungen. Ich löse ihre Schwierigkeiten und Hürden, denn auch ich musste einmal eine schwierige zweistufige Integration durchlaufen, aber in Deutschland gab es damals keine außerbehördlichen Hilfen und Menschen, die Menschen wie mir helfen konnten, niemand hier wusste etwas über uns. Wir wurden getäuscht, man verdiente Geld an uns, und wir hatten nur wenige Kenntnis der deutschen Gesetze, unserer Rechte und Pflichten, machten viele Fehler, genossen keine wirklichen Vorteile oder Chancen. Am Ende musste ich einen riesigen Schritt‐für‐Schritt‐Algorithmus von Aktionen und speziellen Broschüren entwickeln, um Juden zu helfen und ihnen zu erklären, wo und wie wir in dem einen oder anderen Fall angesprochen werden können, indem ich ein Netzwerk von begleitenden Dolmetschern aufbaute. Vor der Eröffnung unserer Gemeinde in Brandenburg gab es eine ähnliche jüdische Gemeinde nur in Potsdam, und daraufhin öffneten andere jüdische Organisationen hier ihre Türen. Später wurde der Landesverband Brandenburg gegründet, dem sechs jüdische Gemeinden angehören. Ich wende mich aktiv gegen Antisemitismus und interreligiösen Dialog, und jeder in Deutschland lebende Jude kann zu mir kommen. Kurz gesagt, ich tue das, was in der Generalversammlung der Gemeinschaft auch getan wird.

‐ Ein bekannter niedersächsischer Journalist beschrieb ausführlich, dass die jüdische Gemeinde in ihrem kleinen Kurort ihre Aufenthaltsorte immer versteckt, keine Erkennungszeichen zeigt, sich versteckt und zu Recht Angst vor Aggressionen und Übergriffen hat. Wie ist es für Juden, in Ihrem Ort zu leben? Müssen Sie sich so tarnen, als befänden Sie sich in einem benachbarten Ort, zusammengekauert wie Mäuse. Hängt die Entwicklung vom Mut und der Aktivität der Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde, von der Toleranz der Einheimischen, vom Glück oder von etwas anderem ab?

‐ Juden sind keine Mäuse, es ist sehr schmerzhaft zu hören, dass so etwas irgendwo passiert. Leider nimmt die Zahl antisemitischer Straftaten in Deutschland, aber auch in ganz Europa, in den letzten Jahren zu, dieser Tatsache kann nicht widersprochen werden, das haben sowohl die Europäische Union als auch verschiedene Forschungsprojekte und Kommissionen namhafter deutscher Organisationen bewiesen. Das ist für mich nichts Neues, denn viele Jahre lang war es meine Aufgabe, diejenigen zu erreichen, die behaupteten, das Problem sei irrelevant und nicht viel Aufmerksamkeit darauf lenken wollten. Darüber hinaus wurde meine Arbeit zum Schutz der Opfer rechter und linker nationaler Intoleranz in der Vergangenheit mit Skepsis wahrgenommen, von den zuständigen Behörden nicht unterstützt, und es war auch nicht möglich, eine volle staatliche Finanzierung für Projekte gegen Antisemitismus zu erhalten. Deshalb musste ich lange und hart nach meinen höchst eigenen Methoden des Kampfes, der Gegenwehr, der Prävention dieses Übels, nach Wegen suchen, um Juden zu schützen und die Rehabilitation der Opfer sicherzustellen. Heute entwickle und verwirkliche ich weiterhin zahlreiche Ideen zur Prävention, zur Vorbeugung von Antisemitismus, z.B. Programme für Schulen, organisiere Treffen für Jugendliche mit HolocaustÜberlebenden, starte Ausbildungskurse, die erklären, was es bedeutet, Jude zu sein. Hinter mir liegen mehr als 5000 Bildungsseminare, nicht nur für jüdische Einwanderer, sondern für alle Menschen mit Migrationshintergrund, denn auch sie sind Feindseligkeiten aufgrund von Rassen‐ oder anderer Intoleranz ausgesetzt. Unsere Antidiskriminierungsberatungsstelle ist in vier Städten Brandenburgs tätig, und es wurde eine mobile Beratungsstelle eröffnet. Speziell für jüdische Einwanderer gibt es in den sechs Städten der jüdischen Gemeinden kostenlose und anonyme Hilfszentren, wo Sie sich wegen Antisemitismus wenden können, nicht nur mit Rat, sondern auch mit echter, lebendiger, umfassender und qualitativ hochwertiger Unterstützung. Manchmal wird es für mich sehr beleidigend, wenn das Problem des Antisemitismus als Mode oder Hype und zur Selbstbereicherung benutzt wird. Ich freue mich, dass es mir im Laufe der Jahre gelungen ist, eine Dialogplattform aufzubauen, die mehr als 500 Organisationen in ganz Deutschland zusammenführt, persönliche Methoden einführt und wertvolle, gesammelte Erfahrungen an Kollegen weitergibt. Ich bin sicher, dass ein freundschaftliches Zusammenleben in einer multikulturellen Gesellschaft nur möglich ist, wenn bestimmte Voraussetzungen geschaffen werden. Konflikte werden hauptsächlich durch einen Mangel an Toleranz füreinander, ein mangelndes Verständnis unserer Rolle in der Gesellschaft und einen Mangel an Respekt vor der Gesellschaft, deren Teil wir sind, verursacht.

  Ist, Ihrer Meinung nach, der Antisemitismus in Deutschland wirklich zu besiegen, ohne Gewalt und verbrannte Erde zu hinterlassen, "freundschaftlich", mit Vorträgen, Freundschaft, Toleranz und Bildung?

‐ Ich habe keinen Zweifel daran, dass es möglich und notwendig ist, für die Rechte meines Volkes zu kämpfen. Ich arbeite Schritt für Schritt ‐ ich führe einen interreligiösen und interkulturellen Dialog, und das ist der korrekteste und effektivste Weg, die Menschen zu lehren, sich vor Diskriminierung zu schützen, sie an die Tragödie der Shoah zu erinnern, die Bürger kulturell und politisch zu erziehen und ihnen die Gesetze unseres Landes zu erklären. Ich bin stolz darauf, dass wir in den vergangenen sieben Jahren etwa 43 Demonstrationen gegen Israel verhindert haben, was uns viel Arbeit gekostet hat. Und damit meine ich nicht nur mich selbst, sondern auch meine Partner ‐ die tschetschenische Diaspora, die Syrische Union, die muslimischen Organisationen Deutschlands, denn ich arbeite mit allen Glaubensrichtungen zusammen, vereinige und richte unser aller Bemühungen auf eine gemeinsame, wichtige Sache aus. Im Jahr 2009 wurde ich zur Stellvertreterin und später zur Vorsitzenden des brandenburgischen Landesrates für Migration und Integration gewählt, dem 77 Migrantenorganisationen angehören, darunter die fünf besten russischsprachigen Berliner Strukturen. Wir setzen uns für den Frieden in unseren Ländern und für die Lösung von Konflikten im Migrantenumfeld ein. Ich bin davon überzeugt, dass der Kampf gegen Antisemitismus, gegen jegliche Intoleranz in erster Linie ein Dialog ist, und wir professionelle Methoden anwenden müssen, um dieses Übel aus unserer Gesellschaft zu entfernen.

‐ Die letzten Monate waren sehr beängstigend und schwierig für uns alle, unabhängig von unserer geographischen Lage. Wie hat sich die jüdische Gemeinde Brandenburgs während der Pandemie verhalten, um ihre Mitglieder und Schützlinge zu behüten?

‐ Zunächst einmal eskalierte in dieser angespannten Coronavirus‐Situation die antisemitische Stimmung in Deutschland erneut, und ich musste in Erwartung verschiedener kritischer Situationen alle meine Kräfte mobilisieren. Heute betreuen wir jüdische Migranten im Land Brandenburg umfassend, helfen ihnen, sich psychisch zu stabilisieren, Entscheidungen zu treffen, mit Ärzten zu kommunizieren, Telefon‐ und Videokonsultationen durchzuführen und aktuelle und detaillierte Informationen über ihre rechtlichen Möglichkeiten zu geben. Meine Gemeinde ist meine Familie! Die jüdische Diaspora Brandenburgs besteht zu 80 Prozent aus älteren Menschen. Für den Kampf gegen die Verbreitung dieser gefährlichen Krankheit in unseren Reihen sollte ich im Voraus ein strenges System für uns organisieren. Ich bin seit Februar vorausschauend zu diesem Schluss gekommen und habe erkannt, dass die virale Bedrohung immer ernstere Ausmaße annimmt. Ich versammelte ein Konsilium von Freunden mit medizinischer Ausbildung, etwa 30 Personen, und beriet mich mit ihnen darüber, wie die drohende Katastrophe bewältigt werden könnte. Es wurden keine Lösungen gefunden, weil es in Deutschland nicht genügend Schutzmittel gab, und wir schickten einen "Boten" nach Weißrussland, um dort 5000 Masken zu kaufen, die später sehr nützlich waren. Geld für sie wurde von allen gesammelt, auch Migranten ‐ Muslime, Syrer, Tschetschenen ‐ halfen mit, was ein Ergebnis unserer erfolgreichen Beziehungen war. Unser Mangel an finanziellen Mitteln, insbesondere für solche Stress‐ und Notsituationen, ist sehr bedauerlich. Wir leben vom Staat, von Sponsorengeldern, von verschiedenen Projekten. Nachdem die Quarantäne begonnen hatte, musste ein großer Teil unserer Gemeindemitglieder zu Hause bleiben, darunter eine Reihe kranker und älterer Menschen, und ich musste mein Bestes tun, um ihnen zu erklären, warum sie jetzt nicht ausgehen und einkaufen sollten. Sie sind starke Juden, stark im Geist, viele haben den Krieg durchlebt, sie haben mir und den Ärzten geglaubt, ein paar Monate treu in den vier Wänden verbracht. Wir haben schon zu Anfangszeit der Pandemie jüdische Corona‐Krisenhilfe entwickelt. Dieses Maßnahmen werden aktuell immer noch aktiv durchgeführt bis diese Pandemie ein ende findet. In Rahmen dieser Angebote betreuen, organisieren und begleiten wir, ein 24 Stunden Notdienstelefon, eine mobile Versorgung mit Koscher Lebensmitteln, Haushalts‐ und Hygieneartikeln, Medizinischem Bedarf, sowie einer regelmäßigen Kontaktaufnahme hilfsbedürftigen Juden in Landkreis Barnim. Außerdem betreiben wir eine regelmäßige jüdische Seelsorge sowie religiöse Betreuung für zuhause. Wir haben auch ein separates und spezielles CORONA KRISENANGEBOT für Shoah‐Überlebenden in Landkreis Barnim organisiert. Ein riesiger Dank gilt der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, der Claims Conference, der Alfred Landecker Foundation und dem Ministerium für Soziales, Gesundheit, Integration und Verbraucherschutz des Landes Brandenburg für ihre Unterstützung. Unsere wohltätige Hilfe wird gemeinsam mit Vertretern anderer Religionen durchgeführt. Unsere Ich möchte hinzufügen, dass ich 72 engagierte Menschen habe ‐ Ärzte, Dolmetscher, viele sind bereit, kostenlos zu helfen. Unsere Gemeinschaft ist sehr klein, aber sehr gemütlich, warm, wo es eine herzliche und angenehme Atmosphäre gibt, freundliche, lächelnde und entgegenkommende Menschen – ein Saal für 50 Personen, Küche und drei Räume, nur 130 km2 ‐ dies ist der erste, nach dem Holocaust, im Land Brandenburg gekaufte Raum für meine Leidensbrüder und Schwestern. Wir haben noch keinen eigenen Friedhofsraum erworben, aber wir sind stolz auf unser großes intellektuelles Potenzial, einzigartige Spezialisten, eine starke Gruppe von Freiwilligen und loyalen Helfern. In schwierigen Momenten vereinigen wir uns und helfen einander.

Können Sie bitte die wichtigsten persönlichen und beruflichen Eigenschaften auflisten, die Ihrer Meinung nach für einen Sozialarbeiter erforderlich sind?

‐ Respektieren Sie die Menschen, dank derer der Sozialarbeiter sein Gehalt bekommt, gehen Sie verantwortungsvoll und ehrlich mit den Aufgaben um, seien Sie ein kompetenter Fachmann, verstehen Sie die Mentalität und die Besonderheiten der Religion, der Kultur derer, um die sich dieser Fachmann kümmert, bleiben Sie höflich, beachten Sie die Etikette der Menschlichkeit.

 ‐ Wie würden Sie gerne unser Gespräch zum Ende bringen?

‐ Ich liebe mein Volk, trage die volle Verantwortung, sonst könnte ich diese Position trotz der Fülle meiner Aktivitäten nicht halten ‐ ich bin überhaupt nicht müde, ich habe noch viel Kraft, genieße jeden Tag unendlich, ich höre nicht auf, mich zu verbessern, um zum Wohle meiner Schützlinge zu handeln. Einzigartige und legendäre Menschen sind das, für die ich arbeite ‐ lebendige Geschichte, eine große Ehre, mich mit ihnen auszutauschen und ihre Interessen zu vertreten, sie unterstützen mich, lieben, schützen und inspirieren mich aufrichtig, geben mir außergewöhnliche Kraft. Mein Leben ist sehr intensiv, und ich habe hier eine erstaunliche Möglichkeit, den Lauf der Dinge zum Besseren zu verändern. Ich hoffe, dass ich eine gute Sache tue, eine professionelle Mitzvah, und wenn nicht ich, wer dann?