Jüdische Gemeinde Landkreis Barnim

    

Regionalforum Potsdam "Antisemitismus in Deutschland" - Waschhaus Potsdam, 19.11.2020









Regionalforum Potsdam – Antisemitismus in Deutschland

Transkript

Katharina Schmidt-Hirschfelder (KSH) – Journalistin der Jüdischen Allgemeine

Diana Sandler – Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Landkreis Barnim

05:11:15

KSH: Frau Sandler, hätten Sie sich damals, als Sie nach Deutschland kamen, Sie sind glaube ich 1995 nach Deutschland gekommen, hätten Sie sich da gewünscht, dass es so eine Meldestelle gibt für antisemitische Vorfälle, sie haben selbst auch Antisemitismus am Anfang erfahren, obwohl sie ein anderes Bild von Deutschland hatten, oder?

Diana Sandler: Das ist unser Ziel, wir fuhren nach Deutschland, wir migrierten nach Deutschland, um in einem freien, demokratischen sicheren Land zu leben. Meine Mitglieder und wir alle [Juden] zusammen glauben, dass eine Katastrophe wie ein zweiter Holocaust in Deutschland unmöglich ist, dass Deutschland und seine Regierung so viele Maßnahmen ergreift.

Und auch die Politik sagt, dass das unmöglich ist, es schadet unserer Demokratie. Für uns Juden ist es ein Schock, da wir es nicht erwartet haben, und es für unmöglich halten, in einem freien, demokratischen Land. Und nun, nach Halle, haben alle Juden, die in Brandenburg leben, starke Angst.

Aus diesem Grund haben wir dieses Jahr eine jüdische Seelsorge eröffnet. Mit ihren Problemen kommen unsere Mitglieder natürlich in die jüdische Gemeinde. Ich habe eine Vereinbarung mit Herrn Schüler, alle Fälle und alle mit Ängsten, da nicht immer alle Fälle von Angst direkt antisemitische Hintergründe haben und wir dann natürlich abwägen, dass wir bei schlimmen Fällen, Herr Schüler anrufen.

Bei psychologischen Problemen oder Ängsten und Problemen, zum Beispiel in der Öffentlichkeit, auf der Straße, unterstützen wir natürlich selbst. Nicht jedes Mitglied will die Polizei rufen, Leute leben mit starken Ängsten und Depressionen.

Bei den russischsprachigen Menschen und in der russischsprachigen Presse gibt es viele unglaubliche Fälle [von Antisemitismus], die uns schockieren. Aber unser Ziel, das Ziel des Zentrums gegen Antisemitismus, ist Aufklärungsarbeit. Ich bin Zeugin davon, was die Regierung macht, die Regierung macht vieles möglich.

05:33:00

KSH: Wichtig ist es, jüdisches Leben zu stärken, wie sieht es aus in Brandenburg, wie viele Gemeinden gibt es insgesamt in Brandenburg und wie sichtbar sind diese Gemeinden und jüdisches Leben in Brandenburg, Frau Sandler?

Diana Sandler: Erst einmal möchte ich betonen, dass dank langjähriger starker Präventionsarbeit es wenige Antisemitismusfälle mit unseren muslimischen und unseren Migrantengruppen sind und das ist nicht selbstverständlich, Antisemitismus ist in Migrantengesellschaften ganz groß und ganz stark ausgeprägt, das wissen alle und ruft große Ängste bei unseren Mitgliedern auf.

Das ist dieser Antisemitismus bei vielen neu Zugewanderten nach Deutschland und meine Mitglieder und die jüdischen Mitglieder des Landes Brandenburg haben starke Angst und Präventionsarbeit ist wirklich die Lösung, wir haben viel Präventionsarbeit und arbeiten stark mit der Iranischen Gemeinde Deutschlands, der Türkischen Gemeinde Deutschlands, mit dem Bundesverband russischsprachiger Eltern, wir haben ganz tolle Zusammenarbeit mit dem Bundesrat für Zuwanderung und dem Integrationsrat, mit DAMOST, dem Dachverband der Migrantenorganisationen OST.

Jährlich machen wir bis zu hundert verschiedene Veranstaltungen, die Wochen gegen Antisemitismus mit dem Schwerpunkt „Kampf gegen Antisemitismus“ in Migrantengesellschaften.

Warum haben wir so großen Erfolg? Wir haben Zugang zu diesen Gruppen, wir arbeiten zusammen mit dem Integrations- und Migrationsrat Land Brandenburg. Ich bin Vorsitzende und das ist im Prinzip schon ein Ergebnis, eine Jüdin als Vorsitzende eines Landesverbandes der Migrantenorganisationen in Brandenburg, das sind 77 Migrantenorganisationen.

Das wichtigste ist noch, dass wir unsere Türen öffnen, die Rolle der jüdischen Gemeinde im Kampf gegen Antisemitismus ist ganz groß, wir öffnen unsere Türen und öffnen einen Dialog, ohne einen Dialog ist friedliches Zusammenleben unmöglich. Antisemitismus ist ein Prozess, ich habe keine [Tag]Träume, dass ein bestimmter Tag kommt und Antisemitismus verschwunden ist. Es ist ein großes Phänomen, ein großes Problem, eine Krankheit und für mich ist der Kampf gegen Antisemitismus ein Prozess.

Wie der Kampf für unsere Demokratie. Bei uns hier in Brandenburg gibt es viele ausgebildete und stark aufgestellte Juden, und wir alle sind demokratische Patrioten und wir kämpfen gegen Antisemitismus und für unsere Demokratie.

Wir sind nicht nur Hilfsbedürftige, unser Zentrum gegen Antisemitismus, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit arbeitet seit 2007, ich wurde 2005 Antisemitismusbeauftragte und wir eröffneten unsere Projekte. Der frühere Innenminister sagte, Frau Sandler macht Präventionsarbeit.

Ich glaube, alle Juden, die in Deutschland leben, haben die Pflicht, gegen Antisemitismus zu kämpfen. Aber ohne Respekt, Respekt für die jüdische Gemeinde und Community, ist der Kampf gegen Antisemitismus unmöglich.

Kooperationspartnerschaften mit der jüdischen Gemeinde sind das Wichtigste. Ohne Kooperationen mit der jüdischen Gemeinde weiß Herr Schüler nicht, welche antisemitischen Fälle es gibt. Es sind unsere Mitglieder, die zu uns kommen, die Mitglieder der zentralen Wohlfahrtsstelle in Deutschland, des Zentralrat der Juden Deutschlands, wir sind eine Familie.

Aber wir, die örtlichen jüdischen Gemeinden haben den Zugang direkt zu den Leuten, kleine örtliche jüdische Gemeinden im Land Brandenburg.

05:37

Diana Sandler: Es ist hier eine andere Situation als im Westen. Im Land Brandenburg gibt es sechs jüdische Gemeinden. In diesem Moment sind es Potsdam, Cottbus, Frankfurt (Oder), Königs-Wusterhausen, Oranienburg, Bernau. Potsdam allein wiederum hat auch weitere sechs jüdische Gemeinden.

05:50

KSH: Frau Sandler, was wollen Sie zeigen in den Gemeinden, was ist ihr Eindruck, was wollen die Gemeinden von sich zeigen?

Diana Sandler: Ich will nicht über die schlechte Finanzierung oder die Probleme reden, ich will die Folgen aufzeigen. Ein großes Problem, aber kein materielles Problem, das ich gesehen habe, ich bin eine Vertreterin der jüdischen Diaspora seit 23 Jahren. Und bis jetzt, ich habe gestern unseren Vorsitzenden noch einmal gefragt, hat seit 25 Jahren niemand mit dem Landesverband der jüdischen Gemeinde kooperiert.

Das ist ein großer Fehler, da in Brandenburg so viele Institutionen und Vereine gegen Antisemitismus kämpfen. Ich bin nun die Böse, ich stelle das infrage, das ist aus meiner Sicht betrug, denn Organisationen arbeiten mit dem Thema Antisemitismus, pflegen aber keine Kooperation mit der lebendigen jüdischen Gemeinde, die in Brandenburg seit 25 Jahren mit großem Erfolg existiert und sich entwickelt.

Natürlich stelle ich das infrage! Ich bin Zeugin für das was die Bundesregierung macht, wirklich unglaublich! Für unser Volk, für uns Juden und in den Orten habe ich das nicht gesehen.

Was ich mir wünsche, wir hoffen, dass Andere anfangen, uns nicht nur als Klienten zu sehen, wir haben Spezialisten, ja wir haben kein Geld für hauptamtliche Mitarbeiter, aber unsere Kinder absolvieren die jüdische Schule Berlin, unsere Jugendlichen sind gut ausgebildet.

Unsere Menschen haben tausende Qualifizierungsmaßnahmen mit der Unterstützung der zentralen Wohlfahrtsstelle der Juden und des Zentralrats in Deutschland. So viele Programme wurden absolviert.

Persönlich habe ich hier in Deutschland zwei höhere Ausbildungen absolviert, eine Ausbildung mit Unterstützung unseres Zentralrats der Juden in Deutschland, Betriebswirtin und Fachhochschulkurse Potsdam als Diversitätstrainerin und ich bin nicht allein, wir arbeiten ehrenamtlich nur aus einem Grund, wir haben kein Geld für unsere Mitarbeiter, aber was wir machen, ist das Wichtigste, aus diesem Grund hat unser Zentrum gegen Antisemitismus ca. 100 ehrenamtliche Mitarbeiter.

Und diese qualifizierte Leute hat Herr Schüler gesehen und im Prinzip sind Finanzen immer ein Problem, aber das ist keine Frag der Finanzen, sondern der Akzeptanz unserer Rolle in dieser Gesellschaft. Ich will betonen, wir sind nicht nur Hilfsbedürftige, unserer Opfer des Holocaust erzählen ihre Geschichte regelmäßig seit 2007 und besuchen Schulen, wir machen Veranstaltungen, Wochen gegen Antisemitismus mit 55 Veranstaltungen und wir sammelten Sponsorengeld.

Wir, die jüdische Community Brandenburg, sind ca. 5000 jüdische Zuwanderer und Mitglieder der jüdischen Gemeinde nur zu 1300 Lachischer Juden. Bei uns sind stolze Leute, das ist lebendige Geschichte, ich persönliche bin stolz, mit diesen Leuten zu arbeiten, das ist meine Familie, ich bin nicht nur Vorsitzende, ich bin die erste Vorsitzende der jüdischen Gemeinde im Landkreis Barnim.

Ich habe unsere Gemeinde gegründet. Ich wuchs 25 Jahre mit diesen Leuten. Jüdisch sein, das sind nicht nur Probleme.

KSH: Sie haben sich auch nachdem Sie hierhergekommen sind, sich aktiv eingebracht, Sie gestalten das jüdische Leben mit, sie haben die Gemeinde gegründet.

Diana Sandler: Verstehen Sie das bitte richtig, wir reden jetzt nicht über mich, ich bin nur ein kleiner Teil der Gesellschaft, ich habe Mitverantwortung, die deutsche Gesellschaft ist meine Gesellschaft, und Antisemitismus oder Islamfeindlichkeit, oder kein oder fehlender Respekt gegenüber der deutschen Gesellschaft, das verletzt mich persönlich

Ich bin wirklich eine starke deutsche Bürgerin, für mich ist der deutsche Pass nicht nur Status oder ein Stück Papier, das ist meine Entscheidung, ich bin deutsche Jüdin, und stolze deutsche Jüdin. Ich bin demokratische Patriotin. Demokratie funktioniert nicht ohne Menschen.

Und so funktioniert auch der Kampf gegen Antisemitismus nicht ohne Menschen. Und ich will ein bisschen über die interkulturelle und interreligiöse Arbeit reden, im Kampf gegen Antisemitismus ist das das Wichtigste. Wir haben große Erfolge im Landkreis Barnim, keine einzige antisemitische Demonstration gibt es und natürlich macht mich das sehr stolz.

Die Tschetschenische Diaspora Brandenburg steht mit Plakaten gegen Antisemitismus und das Syrische Netzwerk feiert zusammen mit uns die Wochen gegen Antisemitismus, oder auch die jüdischen Wochen im Land Brandenburg, Herr Schüler hat das selbst gesehen. Nur bei uns sind 8 Bundesverbände als Gäste bei unseren Brandenburgischen Wochen gegen Antisemitismus zu Gast. Und ohne die Unterstützung der Bundesmigrantenorganisationen kann unser Zentrum finanziell nicht überleben. Das ist Zusammenleben. Das wichtigste, was wir alle Lernen müssen, ist der Respekt gegenüber der deutschen Gesellschaft.

Das ist unser erstes Ziel. Ohne Respekt für unsere Gesellschaft, wo wir Menschen mit Migrationshintergrund unseren Platz haben, ohne Mitverantwortung ist es im Prinzip unmöglich in Deutschland zu leben.

06:10:0

KSH: Gibt es Gruppen, die bislang nur schwer oder selten von Präventionsprojekten erreicht wurden oder werden, wo besteht Nachholbedarf, welche Verbesserungswünsche bestehen seitens des Podiums?

Diana Sandler: Es gibt Gruppen, die schwer erreichbar sind, zum Beispiel bestimmte Migrantenorganisationen. Wir haben keinen Zugang zu ihnen und ihren Mitgliedern. Ohne Autoritätsperson, zum Beispiel einem Imam, ist die Arbeit mit muslimischen Kindern ganz schwer. Es gibt verschiedene Methoden, es gibt nicht die eine Gruppe, die schwer erreichbar ist, es gibt aber falsche Arbeitsmethoden.

Wir wollen gegen Antisemitismus kämpfen und müssen die passenden Methoden suchen. Und wir suchen Möglichkeiten, die Gruppen zu erreichen. Das ist wie in der Schule, es sind nicht die Kinder schuld, die im Programm nicht hinterherkommen, es gibt auch die Lehrer, die sie unterstützen müssen bei diesem Prozess. Es gibt Menschen, die gar nichts akzeptieren wollen, oder es gibt Menschen, die sind radikal, mit diesen Leuten ist es ganz schwer zu arbeiten.

Oder religiöse Fanatiker, zum Beispiel, wir haben es trotzdem versucht. Wir haben die Pflicht, das jede Gruppe Gehör in unserer Gesellschaft findet.

Wir haben keine andere Wahl, wir alle kämpfen gegen Antisemitismus, wir müssen Möglichkeiten finden, nicht nur finanziell. Jede Gruppe braucht extra Methoden.

06:19:50

Diana Sandler: Ich möchte noch kurz etwas einbringen. Nächstes Jahr sind es 30 Jahre jüdisches Leben in Brandenburg. Willkommen!

Wir haben ein großes, großes Programm vorbereitet und zum ersten Mal in Deutschland spielt ein Polizeiorchester in Brandenburg ein jüdisches Programm. Ich bin total glücklich und stolz und das bedeutet einmal, nein, sieben Mal pro Jahr, die Möglichkeit, einem jüdischen Programm des grandiosen Polizeiorchesters Brandenburg beizuwohnen, das ist ein großer Erfolg! Willkommen!